Alpine

Skitouren, Honeymoon und Trampen in der Antarktis

Wie genau trampt man in der Antarktis…und warum… frägst du vielleicht? Es ist kompliziert, aber interessant und nicht ganz unmöglich.

Vor über einem Jahr erhielten wir eine E-Mail von unserem australischen Freund und Antarktis-Spezialisten Damian Gildea. Der ungefähre Wortlaut: „Wie wäre es mit einer sechswöchigen Segel-Reise zur Antarktischen Halbinsel? Alles, was Ihr tun müsst, ist einer Gruppe Abenteurer und deren Ausrüstung auf das antarktische Plateau zu bringen und sie am Ende ihrer Durchquerung oben wieder abzuholen. Zudem solltet Ihr zu einer Art Rettungsdienst zur Verfügung stehen, falls sie diesen benötigen würden. Dazwischen gehört das Segelschiff Euch! Ihr könnt Skitouren und Erstbesteigungen unternehmen, klettern und Pinguine und Wale erkunden.“ Es dauerte keine zehn Minuten, bis Nancy und ich antworteten: "Ja, bitte! Das würde uns sehr gefallen!" Wie der Zufall es wollte, wurde die Reise auch zu unseren Flitterwochen. Auf einer 17 Meter langen Yacht mit acht fremden Menschen zusammen gedrängt zu sein während man eine der wildesten Wasserstraßen des Planeten überquert, ist nicht jedermanns Vorstellung einer vergnüglichen Hochzeitsreise. Eines ist aber sicher: Obwohl es nicht immer romantisch war, war es sicherlich unvergesslich.

Nach der 3,5-tägigen Überquerung der Drake-Passage kamen wir bei perfektem Wetter am Startpunkt des Durchquerungsteams an. Es war eine Gruppe von sechs Abenteurern aus der ganzen Welt: Australien, Kanada, Frankreich, Belgien und England. Mit Nancy, ebenfalls kanadischer Herkunft, und mir aus Deutschland waren wir ein wirklich internationales Team!

Die nächsten sieben Tage verbrachten wir damit, Hunderte von Kilogramm Ausrüstung und Verpflegung 35 Kilometer und fast 2.000 Höhenmeter bis zum Plateau der antarktischen Halbinsel zu bewegen. Es war richtig harte Arbeit, aber irgendwie haben wir es alle geschafft. Nachdem Nancy und ich uns verabschiedet hatten, tourten wir an einem Tag mit unseren Ski zurück zur Yacht und waren bereit, den nächsten Teil unseres Abenteuers zu beginnen.

Unsere müden Beine freuten sich, als Cath, die australische Skipperin, vorschlug, erst mal einen Tag mit dem Seekajak unterwegs zu sein. Nachdem Nancy und ich zuvor nur zweimal beim Kanufahren waren und genau genommen noch nie in einem Kajak saßen, stellt sich ein wenig Nervosität ein. Wir fanden aber bald heraus, dass die kleinen Boote recht stabil schwimmen und man ein vorzeitiges Ende in den eiskalten antarktischen Gewässern leicht vermeiden kann. Das Paddeln zwischen steil aufragenden Eisbergen, vorbei an kalbenden Gletschern, neugierigen Pinguinen und in der Sonne dösenden Seeelefanten war abenteuerlich und unvergesslich.

Es war an der Zeit, nach Kletter- oder Skitouren zu schauen. Wir fuhren zunächst Richtung Süden entlang der spektakulären Küste der Antarktischen Halbinsel zur passend benannten Paradise Bay. Am nächsten Tag ging‘s mit unserem Zodiak zwei Kilometer zu einer kleinen Felshalbinsel um den Mount Hoegh zu besteigen. Eine vergletscherte Skitour mit knapp 1000 Höhenmetern. Die bei schönstem Wetter inmitten dieser fantastischen Meeres-Gletscher-Landschaft doppelt so viel Zeit in Anspruch nahm wie sie idealerweise hätte dauern sollen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir irgendwann 50 Höhenmeter am Stück zurückgelegt haben ohne anzuhalten, um zu fotografieren.

Cath schlug uns weiter südlich einen weiteren Berg vor - Mount Demaria. Es war eine der speziellsten Skitouren, die Nancy oder ich je gemacht haben. Vom Meer bis zum Gipfel hat die knapp 1000m hohe Aufstiegsflanke immer zwischen 30 und 40 Grad Steilheit - ohne jede Unterbrechung. Die anderen drei Seiten des Berges sind vertikale Felswände. Ein Sturz oder Ausrutscher war nicht erlaubt. Trotz schlechter werdenden Sicht konnten wir bei perfekten Lawinen- und Firnverhältnisse eine Mega-Abfahrt bis zum Meer genießen.

Von unserer Skidurchquerungsgruppe erhielten wir die Nachricht, dass sie in den nächsten Tagen bereit wären, abgeholt zu werden. Kein Problem - wir hatten viel Zeit, um zu ihrem Ausgangspunkt zu fahren und ihnen über die Schlüsselstelle ihres Abstiegs zu helfen. Drei Stunden nach der Abfahrt gab das Getriebe der Yacht den Geist auf und ließ uns im immer dichter werdenden Treibeis stecken bleiben. Es dauerte nicht lange, bis wir anfingen, an Ernest Shackletons Ausdauer-Epos zu denken. Was wir aber Shackleton voraus hatten, war der in der Antarktis inzwischen aufkommende Tourismus:

Trampen #1: Das 80-Personen-Kreuzfahrtschiff ‚Ocean Nova‘ kam uns einige Stunden später zu Hilfe und so verbrachten wir die nächsten zehn Stunden damit, zur chilenischen Forschungsstation zurück geschleppt zu werden.

 

Trampen #2: Nach ein paar Tagen meldete sich überraschend der Skipper der Yacht ‚Ocean Tramp‘, um Nancy und mich tatsächlich zum Ausgangspunkt zur Abholung unserer Durchquerungsgruppe zu bringen. Spät am Abend bauten wir unser Zelt für die Nacht neben einer Gruppe Pelzrobben auf und rannten anderntags der Gruppe förmlich entgegen. Aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten wusste die Durchquerungsgruppe nicht, dass wir kommen würden. Wir trafen sie in einem White-Out in der Mitte ihres ersten von zwei schwierigen Crux-Abschnitten. Wenn sie keine schweren Schlitten schleppen würden, wäre das Gelände nicht so gefährlich gewesen. Aber mit den großen Lasten und der Unerfahrenheit der Hälfte der Gruppe war es ziemlich ernst. Zurück am Meer fiel uns ein Stein vom Herzen alle gesund zurück zu haben und wir konnten auf die erfolgreiche Durchquerung anstoßen.

Trampen #3: Mit der erstaunlichen Organisation unserer Skipperin Cath wurden wir und die müffelnde und müde Gruppe von der polnischen Yacht ‚Selma‘ großzügig aufgenommen. Die ‚Selma‘ war bereits mit 10 Tauchern, Crew und Ausrüstung voll besetzt, aber irgendwie schafften sie es, uns acht plus unsere Skier, die ganze Ausrüstung und 16 Schlitten aufzunehmen. Sie fütterten uns bestens, brachten uns zu unserer Yacht zurück und um 3 Uhr morgens lagen wir todmüde in den Kojen.

Trampen #4: Unser nächster „Lift“, die französische Pod Orange, sollte uns nur ein paar Kilometer bis aufs offene Meer hinausschleppen würden bis wir mit Wind selbständig über die Drake-Passage segeln könnten. Zweieinhalb Tage später schleppten sie uns immer noch. Es wehte kein Wind. Kein Lüftchen regte sich!

Trampen #5: Die Pod Orange musste uns verlassen, sonst würden sie es nicht rechtzeitig nach Ushuaia schaffen. Sie übergaben uns in der Mitte der Drake-Passage an die russische Yacht ‚RusArc Aurora‘, die uns großzügig den Rest des Weges bis zum argentinischen Festland schleppte.

Text: Ralf Dujmovits

Ralf Dujmovits lebt mit seiner Partnerin Nancy Hansen im Schwarzwald und ist wann immer es die Zeit zulässt beim Expeditionsbergsteigen, unterwegs in den Alpen oder beim Sportklettern. Der Profibergsteiger war zwischen Schule und Medizin-Studium ein Jahr auf Weltreise, bestieg später mit Kunden die höchsten Berge aller sieben Kontinente und stand als erster (und einziger) Deutscher auf den Gipfeln aller 14 8000er. Der Öffentlichkeit wurde er durch die 33-stündige Live-Übertragung einer Durchsteigung der Eiger-Nordwand bekannt. Er zählt mit über 50 Expeditionen zu den erfahrensten Höhenbergsteigern und Bergführern weltweit.