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Nordic

Das Polarvirus – fast so ansteckend wie Corona

Aktuell kämpfen wir uns alle durch die Corona-Krise und ich denke mir oft, eigentlich geht es uns genauso, wie man sich auf Expedition fühlt: Man muss vorsichtig sein, stets neue Entscheidungen treffen und darf das Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Die Arktis verändert einem fürs Leben. Jeder Schritt in dieser unendlich leeren Welt aus Eis und Wind, jeder Atemzug in der schneidenden Kälte, jeder noch so mühsame kleine Kampf um einen weiteren Meter hin zum Ziel, das alles stellt uns auf eine große Probe, verändert uns. Gerade in diesen verrückten Corona-Tagen bin ich überzeugter denn je, dass die Veränderung die große Konstante unseres Lebens ist. Wir müssen neue Dinge probieren, um vorwärts zu kommen. Die Arktis hat mir solche Gedanken stets vor Augen gehalten und deshalb zieht es mich auch immer wieder dorthin. Seit 2004 bin ich als Polarguide tätig und liebe es, anderen Menschen das Polarvirus weiterzugeben – es ist übrigens, genau wie sein unangenehmer Corona-Kollege, ziemlich ansteckend!

Was da draußen mit einem passiert, in der unendlichen weißen Weite, im Land unter dem Sternbild des Großen Bären, das kann niemand so genau sagen, es ist jedes Mal von neuem ein Abenteuer. Auf allen meinen Nordpol-Touren war ich beeindruckt zu sehen, wie fremd und gewöhnungsbedürftig das Leben auf dem Eis für meine Gäste zuerst war, und wie schnell sich die allermeisten daran gewöhnten. Nach einigen Tagen beginnt man sich anzupassen, fügt sich in die Unausweichlichkeit, nur mit Ski und Pulka vorwärts zu kommen. Man lernt, die speziellen Verhältnisse zu lesen, erkennt das ständig wechselnde Gelände in einer vermeintlich öden Landschaft. Packeis wechselt sich mit kompakten Eisfeldern ab. Es gibt dünne Eisstellen, manchmal offenes Wasser, chaotische Haufen aufgeworfener Eisstücke, die besonders mühsam zu überqueren sind – kurz: Schnee- und Eisformationen in Dutzendfacher unterschiedlicher Ausprägung. Alles scheint täglich gleich - und ist doch immer wieder anders.

Die Tour, die ich üblicherweise mit Gästen gehe, umfasst rund 120 Kilometer zu Fuß und auf Ski, im Normalfall reicht ungefähr eine Woche dafür aus. Die Anreise führt über Oslo nach Spitzbergen. Von dort geht es in einer Antonow 74, einem russischen Kurzpistenjet, weiter nach Barneo, einer im Eis treibenden Station am 89. Breitengrad. Die temporäre Landepiste wird jedes Jahr im April von unseren russischen Partnern neu errichtet und ihre genaue Lage variiert von Jahr zu Jahr. Sobald wir unseren Marsch zum Nordpol bewältigt haben, holt uns ein Helikopter von Barneo aus ab und bringt uns zurück zur Station, die uns schon fast wie ein Highlight der Zivilisation vorkommen wird…

Die Maßstäbe verändern sich, ich schwöre es, und zwar richtig schnell: In den Weiten des Eismeers unterwegs zu sein, ist ein Erlebnis von besonderer Dimension. Hinterher ist man ein neuer Mensch. Hoffen wir darauf, dass uns auch die grauenhafte Pandemie einiges anders sehen lässt, dass wir uns verändern und irgendwann stolz sein können auf den neuen Blickwinkel.

Ihr / Euer Thomas Ulrich